Tsunami: Weit weg und ganz nah

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(Quelle: http://commons.m.wikimedia.org/wiki/Tsunami)

Abends ruft Bernd an: „Werner ist tot!“ Bernd und Werner verbindet  mehr als nur eine Freundschaft. Bernd hatte Werner 2004 eine Niere gespendet. Werner geht es deshalb Jahresende so gut, dass er endlich wieder verreisen kann. Mit seiner Frau fliegt er nach Thailand auf verspätete Hochzeitsreise.

Sie gehen am Strand spazieren, als die Welle kommt. Sie werden getrennt, die Ehefrau kommt mit wenigen Schrammen davon und wird kurz darauf von den Behörden zurück nach Deutschland geschickt. Werner wird vermisst – man muss davon ausgehen, dass er tot ist.

Als ich Bernds Wohnung betrete, um ihm beizustehen, begrüßt er mich mit den Worten: „Werner lebt!“ Sein Name ist im Internet auf einer Liste mit Verletzten gefunden worden. Werner liegt in einem Krankenhaus in Phuket – beide Beine mehrfach gebrochen, aber er lebt. Ein deutscher Arzt, Tourist in Thailand und unverletzt, hält  telefonisch die Verbindung nach Deutschland. Wir finden heraus, welche Medikamente nach der Transplantation noch gebraucht werden; der Kontaktmann besorgt sie in Thailand, kümmert sich um Werner und seine Behandlung.

Unsere Aufgabe in Köln: Werner nach Hause holen. Das Auswärtige Amt ist kaum erreichbar und selbst  dann keine Hilfe, aber der ADAC macht uns Hoffnung. Ein Krankentransport nach Deutschland ist möglich. Professionelle Hilfe in einer solchen Situation – unbezahlbar.

Dann schlechte Neuigkeiten aus dem Krankenhaus: Die Wunden sind so schwerwiegend, dass Werner ein Unterschenkel amputiert werden muss. Unterdessen organisieren wir weiter seinen Heimflug. Doch Werners Zustand verschlechtert sich, er ist nicht transportfähig. Das Flugzeug nimmt einen anderen Verletzten mit.

Hoffen und warten, warten und hoffen.

29. Dezember: Werner stirbt. Einige Wochen später kommt er nach Hause – im Sarg.

Alle Berichte über den Tsunami sind für mich zugleich aufwühlend und abstrakt. Ich kenne die Bilder, aber ich spüre sie nicht. Ich weiß, dass Werner einer von Tausenden Tsunami-Toten ist, aber rechne immer noch damit, dass ich ihn auf der Straße treffe. Ich werde älter, aber Werner nicht mehr. Werner fehlt.